Auxilium Therapeutisches Wohnen

Sie sind hier: Therapie > Theorie und Therapie

Systemische Theorie und Therapie

Durch Übertragung kybernetischer und informationstheoretischer Modellvorstellungen auf menschliches Verhalten (Bateson, 1972) entwickelte sich ein neues Verständnis menschlicher Kommunikation und Interaktion. Forschungsgruppen in den USA (um Watzlawick) und später in Italien („Mailänder Modell“ um Selvini Palazzoli, Boscolo, Cekin und PRATER, 1980) erweiterten den psychodynamischen Ansatz von einer Ausrichtung auf das Individuum als „Behälter der Pathologie“ auf den Beitrag der Beziehungskontexte, in dem das Problemverhalten auftritt. Der wichtigste Kontext für die Forscher ist das Familiensystem. In Deutschland wurde die dementsprechend „systemisch“ genannte Theorie von Richter, Sperlin, Bosch, Stierlln und Mitarbeitern entwickelt.

Grundlegend für die Entwicklung systemischer Theorie war die Kybernetik, die Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle in Mensch und Maschine (Wiener 1968). Das der Kybernetik zugrunde liegende Erklärungsmodell ist das des Regelkreises, mit wechselseitigem Ursache-Wirkungs-Prinzip: Innerhalb eines (Familien-) Systems besitzt das Verhalten eines Menschen (Sender) eine Bedeutung (Botschaft) für den anderen (Empfänger) und löst Reaktionen aus, die auf den Sender wieder zurückwirken. Durch neue Reaktionen entstehen kreisförmige Interaktionen, die gesetzmäßig ablaufen. Familientherapeuten versuchten, die Zirkularität von Organisationen, von familiären Mustern, von Stabilität und Änderung zu verstehen.

Die „Kybernetik erster Ordnung“ beschäftigt sich mit Fragen, wie Systeme ihre Organisation aufrechterhalten. Dieser Ansatz ist durch die Auffassung gekennzeichnet, dass Systeme zur Homöostase neigen und dass sich der Beobachter außerhalb des beobachteten Systems befindet und dementsprechend objektiv ist. Im Falle menschlicher Systeme umfasst dies das Beurteilen von Pathologie, Dysfunktion, normativen Zielen und führt zu Interventionen, die gezielte Veränderungen im beobachteten System intendieren.

Die „Kybernetik zweiter Ordnung“ (Förster 1993, Maturana 1982) geht vom Einbezug der Beobachter in die Beschreibung dessen, was er beobachtet, aus. Da jeder Beobachter die Welt durch die „Linse von Kultur, Familie und Sprache“ sieht, repräsentiert das Endprodukt als System nicht etwas Privates oder Unabhängiges, sondern eine „Gemeinschaft von Beobachtern“. Die Haltung von Therapeuten ist dann die des „ethischen Imperativ“ (von Forster):

    Handle stets so, dass Du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst.
    Alles was die Zahl einschränkt, Tabus, Dogmen, Richtig-Falsch-Bewertungen
    stehen systemischem Arbeiten entgegen


In Systemen, in denen Symptome Bestandteil der Interaktionen sind, verstricken sich die Mitglieder zunehmend in distinkte, sich wiederholende Interaktionsmuster. Das symptomatische Verhalten ist Teil dieser Muster und wird durch eben diese Form der Interaktion aufrechterhalten, d. h. die Existenz eines „Identifizierten Patienten“ ist dazu geeignet, diese Muster zu verstärken. Suchtkranke Jugendliche sind in besonders hohem Grade von ihren Herkunftsfamilien abhängig.

Als Suchtmuster und suchtstabilisierende Faktoren im familiären System lassen sich identifizieren:

Isolation von Familienmitgliedern: Ein Familienmitglied ist nicht in einer adäquaten Position in der Familie, Sündenbock statt Beziehungspartner, Verbündeter des einen Familienmitglieds gegen das andere und umgekehrt, keine Triangulierung im Rahmen des Familiengleichgewichts.

Fusion: Abgrenzung und selbstverantwortliche Nähe und Distanz wird mit Schuldzuweisung sanktioniert; Ablösung ist „Verrat“ und kann Leid über das familiäre System bringen oder sogar den Tod einzelner Mitglieder des familiären Systems; Übernahme von Verantwortung für die anderen bis zur Überforderung, Abgrenzung erfolgt nur dadurch, dass es nicht mehr geht und nicht dadurch, dass man nicht mehr will; nur Unvermögen oder Krankheit werden als akzeptable Entschuldigungen angesehen.

Mangelnde Individuation: Unfähigkeit in der Familie, eigene Wünsche von denen anderer zu unterscheiden, es gibt in der Familie nur eine richtige Sichtweise, weichen Meinungen und Wünsche ab, heißt das sofort, dass etwas „nicht in Ordnung“ ist, unterschiedliche Meinungen sind bedrohlich; es gilt als Egozentrik, eigene Bedürfnisse direkt zu berücksichtigen, Wünsche nach Autonomie oder auch nach Zuwendung werden eher akzeptiert, wenn man sich krank zeigt.

Bindung und Ausstoßung: Massiv anklammerndes Beziehungsverhalten in der Familie, abgelöst durch überstütze Ausbruchsversuche der Jugendlichen mit überenger Bindung an die Peergruppe oder einen (meist süchtigen) Partner; In anderen Familien deprivierendes Bindungsverhalten mit resultierender zielloser Suche nach Nähe durch die Kinder.

Rigidität und Starrheit: Das familiäre System ist sehr rigide mit unumstößlichen Familienregeln, „darüber spricht man nicht“, „nur wer hart arbeitet, wird etwas“, Familienmythen wie „Untrennbarkeit der Ehe“ oder „Eltern dürfen nicht enttäuscht werden“. Dies stabilisiert ein „Entweder-Oder-Denken“; z. B. „entweder du hörst mit dem Drogenkonsum auf und bleibst clean oder du gehst daran zugrunde“.

Die systemische Therapie sieht Suchtverhalten von Jugendlichen als Beitrag zum Erhalt der Funktionalität des Familiensystems und zielt deshalb darauf ab, durch das Vergrößern von Möglichkeiten im System ein Aufgeben des Suchtverhaltens ohne größeren Schaden für das System zu begleiten, offene und versteckte Abhängigkeiten im Familiensystem zu verändern und die Basis für das Wirksamwerden individueller psychotherapeutischer Strategien zu schaffen.

Ein weiteres wichtiges Prinzip der systemischen Therapie ist das „reflektierende Team“. Orientiert an der „Kybernetik zweiter Ordnung“ (Anderson 1990), bezieht diese Methode die Diskussion des Teams in das System der Handlung ein und schafft damit einen Kontext der Kooperation. Verschreibungen und Schlussinterventionen werden dadurch transparent und beispielhaft dafür, wie Lösungen für die aktuellen Probleme gefunden werden könnten